10 Gespräche über Kairo
von: Tarik A. Bary ©
Ins Deutsche von: Mustafa Maher
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Je weiter wir werden, desto dem Nichts geweihter. Warum?
Je größer wir werden, desto dem Schwund verschriebener. Warum?
„Was ist das, was sein könnte?
Ist es das, was ist und nicht wird?
Ist es das, was wird und nicht ist?“
* * *
Zu mir sprach der Kommende, der nicht kommt:
„Du bist in Kairo
an einem tiefen Fleck,
irgendwo
zwischen Zeit und Raum.
Du bist ein Reisender, der nicht zurück findet.
Suchst du die Gesichter etwa, um darin zu rasten?
Oder möchtest du in Gesichtsfalten nisten?
In Erinnerungen? In Sätzen? In Worten?
Verlangst du danach, aus dem Leben zu scheiden,
um Rast und Ruh zu erlangen?
Hier gibt es keine Stille,
keine Schlupfstelle.
Du bist in Kairo.“
* * *
Zu mir sprach Jesus:
„Der Kairoer ist ein Sindbad
Auf endlosen Pendeleien,
Laufereien, Scherereien.
Ohne zu halten,
läuft er von der Babylon-Festung zu den Fustât-Halden,
von den Askar-Ruinen,
wo Verdiener nicht verdienen,
nach Qatâi’ mit den vermoderten Balken,
verhungerten Eulen und Falken,
nach Al-Kahira , dem Kairo des Mu’izz,
mit seinen Wundern und Wunden
und den acht Toren.
*
Der Kairoer ist Heiland, Scherge und Gekreuzigter.
Angenagelt wird er an die Stadttore werden.
Wenn der Tag anbricht, kerkert er sich selbst dahinter ein,
damit er die Stadtgrenze nicht überschreitet.
Und wenn die Sonne untergeht, liefert er sich aus anderen Schergen,
damit sie ihn an den Toren erhängen,
an Haken zwischen Erker, Schießscharte und Zinnen.“
* * *
Zu mir sprach aus dem Volk ein Mann vom alten Schlag,
der sich schlapp gekrümmt auf die Ellbogen stützte
und das Mundstück der Wasserpfeife zwischen die Lippen steckte:
„Jeden Morgen nehme ich, Tag für Tag
am wilden Marathonlauf teil
mit Millionen, Millionen, Millionen
meinesgleichen.
Wir stürtzen alle den Herden gleich ins Unbekannte.
Wir fallen, die einen über die anderen an der Straßenkante.
Wir werden zu Haufen,
Schlamm, Schlacken und Geröll, wenn die anderen wie Wilde laufen.
Wir werden zertreten
Im Marathon.
*
Andere scheinen an Seilen hochzuschnellen,
die vom Himmel vage herabfallen.
In der Luft baumeln sie hin und her,
angeblich ein Naturphänomen, nicht mehr.
Keine Schritte,
nur Tritte.
Sie verpassen einander heftige Stöße
vor lauter Treten und Zertreten
oder aus Atemnot.
Von Ruß umhüllt fallen sie um, fast tot.
Kohlrabenschwarz sind die Abgase.
Die Erschöpften in Scherben zerschellen
Granitharte Terrakotta kann in verseuchter Luft zerfallen.
* * *
Zu mir sprach Schahrijâr:
„Kairo ist meine Stadt,
die Stadt aller Schahrijâre und Scheherazaden.
Unmöglich, woanders zu herrschen oder zu leben.
Kairo, die Stadt der tausendundeine Nacht
die Stadt meines Traums und des Traums der Scheherazade
Tag und Nacht,
die Stadt der Sklaven von Schloss und Wall,
die Stadt der Vernünftigen und Verrückten,
der Dschinni und des Jonas mit dem Wal,
des Weihrauchs von Priestern,
die Stadt der Geister,
der gestohlenen, unterschlagenen und erschwindelten Summen,
der nächtlichen Tänze von entblößten Frauen um Feuer und Flammen,
bis sich die Morgenröte ankündigt, so spät,
meine Kräfte sind hin.
Der Hahn endlich kräht
Ich lege zur Ruhe mich hin,
Scheherazade schweigt und gähnt.
* * *
Zu mir sprach Sindbad:
„In allen Städten Ägyptens, den neuen und den alten,
halten Alle Verkleidungskostüme parat und Schleier und Masken,
um sich zu kaschieren,
die Schamteile zu kamouflieren
oder beschämende Untaten verborgen zu halten.
Du aber brauchst keine Masken wie jene Feigen,
Du könntest dich nackt zeigen
wie Neugeborene, die gerade zur Welt kamen
wie Findlinge ohne Familiennamen,
wie käufliche Damen.
Du bist in Kairo.“
* * *
Zu mir sprach der auf dem hohen Thron sitzende Wali [1]
der große Pascha Muhammad Ali [2]:
„Was Kairo ausmacht,
das sind hunderttausend unschlüssige Minarette,
an die hundert Klöster und Kartausen,
Glocken, Tempel und Kirchen,
unzählige Geschäftsleute und geschäftige Dirnen,
Paläste und Luxusvillen,
Museen voller Menschenmassen.
Das Gebet kann warten
Den Brunnen muß man warten.
Gespenster-Autos,
silberne Mordpfeile,
mit rauchfarbenen Scheiben
ohne erkennbare Menschenhände
schießen verrückt auf panische Massen,
die ganze Straßen pflastern.“
Der Wali brach in wildes Lachen aus über all das.
Sein weißer Bart wurde von Tränen nass,
sein Blick rastete in der Ferne auf irgendwas:
„Mein Zitadellenblutbad ist nicht mehr
das Größte. Das Größte ist es nicht mehr.“
* * *
Zu mir sprach Al-Hussein [3]
gleich nach dem Frühmorgengebet:
„Wer lehrte in eurer Stadt die Bettel- und Stockarmen Legenden zu spinnen?
Wer mischte ihnen unter die kargen Bissen Aberglaubensoblaten?
Wer behängte sie über Fetzen und Lumpen
mit Amuletten und Talismanen?
Wer pferchte sie hinein in die gleichen fremden Wagen,
die die Bettler und die Narren in das Niemandsland tragen?
Jene, die zwischen Himmel und Erde taumeln,
wie die von Fliegen beschissenen Seile
die an Gruften, Mausoleen und Gräbern baumeln?
Sie erhoffen einen Morgen, der nicht kommt
und fragen die Toten nach dem Weg
nach Kairo,
der Stadt der Träume und der verschlossenen Tore.
Frag die Torhüter!
Wer Öffnet denn die Tore?
Wer hütet sie?“
* * *
Den letzten Torhüter fragte ich:
„Was ist in dich gefahren?
Du antwortest nicht? Du rührst dich nicht?
Bist du stumm geworden?
Hat der Henker dir vielleicht die Zunge abgehackt?
Sprich! Wer hütet die Tore?
Wer hütet die Tore? Frage ich.“
Endlich kam er mit der Sprache heraus:
„Ich bin Sklave geworden,
Eunuch im Dienst der Sultane,
gehöre zu den schmucken Uniformierten,
zu den Anhängseln hinten an den schrecklichen rabenschwarzen Wagen,
die durch die Straßen Kairos sausen,
wütend aufbrausen.
Alsdann stehen die Menschen in Reihen stramm
glotzen und lobsingen dumm damm,
Reihen rechts,
Reihen links,
den Lichtmasten gleich,
verstummt, verfinstert und bleich,
durch heulende Sirenen und zirpende Alarmsignale
und im Nacken Maschinengewehre.“
* * *
Eine alte Hexe fragte ich
nach dem Zauberspruch des Kairoers,
der ihm Wohlergehen, Reichtum und blinde Macht verschafft.
Sie sprach:
„Besprich ein Glas Wasser dreimal morgens
und abends dreimal:
Behüter behüte! Behüter behüte! Behüter behüte!
Hûsch, hûsch, hûsch jâ hawwâsch,
du mächtiger König der Dschinni! Jâ merdâsch!
Löse mir alle chronischen Probleme!
Die Kranken mache gesund!
Den Oberen setze Zipfelmützen auf!
Den Unteren gib Pfeifen in die Hand!
Behüter behüte! Behüter behüte! Behüter behüte!
Hûsch, hûsch, hûsch jâ hawwâsch.“
* * *
Du Kairo!
Stadt der Symbole, der Altertümer, der Könige, Walis, Kalifen,
Leader, Kongresse, Media, Pharaos, Araber und Kosmopoliten!
Du bist keine Stadt für Menschen.
Wer in dir nicht im Zug sitzt, liegt auf den Schienen
mit geschlossenen Augen und erwartet das Schicksal.
* * *
Meine Liebe! Meine Stadt bist du nicht.
Es war einmal der Nil, es waren einmal die Pyramiden und der Sphinx!
Es war einmal Al-Azhar, Al-Hussein, Mare-Girgis,
der Baum Marias!
Selig sei du, Kairo, wie du einmal warst!
*
Gib mir meine Erinnerungen, meine Daseinsperlchen bitte zurück!
Alle Spuren der Gesichter, die ich in dir kannte, Stück für Stück
damit ich dich verlasse und quitt mit dir bin.
*
Ich arbeite mich durch die Wehen deiner Abgasewolken,
in denen alles Grüne muss welken,
du Stadt der Automobile, der Automobilisten,
des Straßenchaos, der Verkehrspolizisten,
der Uniformen,
der Wachtmeister,
der Leibwächter, Bodyguards,
Eunuchen,
Sirenen, des widerlichen Asphalts,
der Polizeireviere mit Kulissen.
*
Ich schwebe hoch wie Dampfwolken
hinweg über die schwarzen Betonblöcke,
die grauen trotzigen Zementbauten,
Millionen und Abermillionen
von unschlüssigen Glatzköpfen,
die sich verirren auf deinen krummen Stegen
und den unendlichen Labyrinthwegen.
*
Ich schwebe empor
hinweg über Schutt und Asche.
Das waren meine Hoffnungen und Träume davor
und die aller anderen, mit und ohne Gaben,
die sich zu dir begaben,
auf der Suche nach falschem Ruhm
oder einem Bisschen Brot,
eingeweicht
in Kairos Utopie.
*
Jener, die zwischen Himmel und Erde taumeln,
wie die von Fliegen beschissenen Seile,
an Gruften, Mausoleen und Gräbern baumeln,
hoffen, dass dein Tor, das verschlossen dasteht,
plötzlich aufgeht,
damit sie in das Fleisch des Opfers heineinbeißen,
sich in seinem Blut ritual waschen
und sich daran vergehen.
Sie haben die Stelle zwischen Fettschwanz und Keule im Sinn.
Die Tränen wischen sie wie die Katze
von der Götzenfratze.
Sie jubeln und heulen auf der Feier
verhüllt vom durchlöcherten Schleier
von Rausch und Jauchzen,
Genüssen und Schmerzen.
So treiben sie sich durch den Trubel,
bis der Morgen anbricht.
Bald verrichten sie Gebete, wie befohlen,
bald kiechern sie verstohlen
in die Ärmel hinein.
Oder sie weinen plötzlich und schreien,
solange, bis der Hahn kräht
und es für Scheherazade Zeit ist,
die Geschichte abzubrechen.
*
Alle verschwinden
Du allein bleibst,
du Stadt Kairo, du Überwältigende,
ein einkreisendes Höllenfeuer doch,
im Weltall ein schwarzes Loch.
Wer sich in dein Licht verliebt,
wer sich in deinen Schutz begibt,
verbrennt und vergeht.
Für wahr erwiesen ist der Satz,
der nie an eins deiner Tore auf dem großen Platz
geschrieben wurde:
„Wer dich einmal betritt,
geht von dir fort keinen Schritt“,
du Stadt Kairo.
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ENDE
[1] Wali
[arabisch], Herrscher, Vizekönig in der Zeit der türkischen Monarchie, früher türkischer Provinzstatthalter, dem Kadi (Richter), Mufti (Rechtsgutachter) und Defterdar (Finanzdirektor) zur Seite standen.
[2] Muhammad Ali
Statthalter (Vizekönig) von Ägypten 1805–1848, * 1769 Makedonien, † 2. 8. 1849 Cairo; Begründer des bis 1952 in Ägypten regierenden Königshauses; beendete die Herrschaft der Mamluken mit einem grossen Blutbad auf der Saladin-Zitadelle.
[3] Al-Hussein
Enkelkind des Propheten Mohammads. Wurde in seiner Jugend ermordet worden. Angeblich sei sein Kopf in der grossen nach ihm genannten Moschee „Al-Hussein“ im islamischen Viertel in Kairo begraben. Hunderttausende pilgern von allen Städten und Dörfern Ägyptens, aber auch von anderen islamischen Ländern wie Pakistan, um ihn zu besuchen. Mit der Zeit entwickelten sich Rituale, die zwischen Religion und Aberglauben schweben, jedoch eher als Aberglaube zu betrachten. Entsprechende Mythen sind natürlich auch dabei entstanden. Nimmt bei den meisten Muslimen eine gleiche Stelle, wie die eines Heiligen bei den Christen.